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Kurzantwort: Virtuell heißt „der Möglichkeit nach vorhanden“. Etwas Virtuelles wirkt und funktioniert wie das Echte, existiert aber nicht als greifbarer Gegenstand. Das Wort geht auf das lateinische virtus für Kraft und Fähigkeit zurück. Am häufigsten begegnet es dir in der Computertechnik — virtueller Speicher, virtuelle Maschine, virtuelle Realität.
Virtuelle Konferenz, virtuelles Konto, virtueller Rundgang: Das Wort steht inzwischen vor allem, was ohne Anwesenheit funktioniert. Dabei ist es viel älter als der Computer.
Schon in der mittelalterlichen Philosophie bezeichnete es etwas, das der Anlage nach vorhanden ist, ohne sich schon zu zeigen. Genau diese Bedeutung steckt bis heute in jeder Verwendung — auch in der Physik und in der Optik, wo sie mit Bildschirmen nichts zu tun hat.
Herkunft und Grundbedeutung
Das lateinische virtus heißt Kraft, Tüchtigkeit, Fähigkeit. Daraus wurde im Mittellatein virtualis — der Kraft nach vorhanden. Im Deutschen ist das Adjektiv seit dem 18. Jahrhundert belegt.
Wörterbücher umschreiben es mit „nicht wirklich vorhanden, aber echt erscheinend“ und „der Anlage nach vorhanden“. Das Substantiv dazu ist die Virtualität, das Verb virtualisieren.
Der Gegenbegriff heißt real oder physisch. Wer eine Unterscheidung braucht, sagt zum Beispiel „in Präsenz“ statt „virtuell“ — im Studium, bei Sitzungen oder bei Messen.
Virtuell in der Computertechnik
Virtueller Speicher gehört zu den ältesten Beispielen. Das Betriebssystem gaukelt jedem Programm einen großen, zusammenhängenden Arbeitsspeicher vor, obwohl der echte Speicher kleiner und zerstückelt ist. Reicht er nicht, lagert das System Teile auf die Festplatte aus.
Eine virtuelle Maschine ist ein kompletter Computer als Software. Auf einem einzigen Server laufen so mehrere getrennte Systeme nebeneinander, jedes mit eigenem Betriebssystem. Rechenzentren nutzen das, um Hardware auszulasten, Entwicklerinnen, um gefahrlos zu testen.
Dazu kommen virtuelle Netzwerke, virtuelle Festplatten und virtuelle Server. Das Prinzip ist immer dasselbe: Eine Softwareschicht bildet etwas nach, das es als Gerät nicht gibt.
Für dich als Nutzerin oder Nutzer hat das handfeste Folgen. Ein virtueller Server lässt sich in Minuten anlegen und wieder löschen, während ein echtes Gerät bestellt, geliefert und eingebaut werden müsste. Genau darauf beruht das gesamte Cloud-Geschäft.
Virtuelle Realität und virtuelle Treffen
Virtuelle Realität, kurz VR, meint eine vom Computer erzeugte Umgebung, in der du dich umsehen und bewegen kannst. Eine Brille zeigt jedem Auge ein leicht verschobenes Bild, Sensoren erfassen die Kopfbewegung. Genutzt wird das für Spiele, für Trainings in Medizin und Industrie und für Architekturmodelle.
Davon zu unterscheiden ist erweiterte Realität, englisch Augmented Reality: Dort bleiben die echte Umgebung sichtbar und werden nur Zusatzinformationen eingeblendet.
Bei virtuellen Treffen geht es schlicht um Anwesenheit über das Netz. Rechtlich hat das Folgen: Seit 2022 erlaubt § 118a des Aktiengesetzes ausdrücklich die virtuelle Hauptversammlung, wenn die Satzung das vorsieht. Auch Eigentümerversammlungen und Vereinssitzungen können unter bestimmten Voraussetzungen online stattfinden.
Virtuell in Physik und Optik
In der Optik ist ein virtuelles Bild eines, bei dem sich die Lichtstrahlen nicht wirklich treffen — sie scheinen nur von einem Punkt zu kommen. Dein Spiegelbild ist so ein Fall: Es sieht aus, als säße es hinter dem Spiegel, dort ist aber nur die Wand.
Ein reelles Bild dagegen lässt sich auf einem Schirm auffangen, etwa das Bild eines Beamers. Diese Unterscheidung gehört zum Schulstoff der Mittelstufe.
In der Teilchenphysik heißen kurzlebige Zwischenzustände virtuelle Teilchen. Sie treten in Rechnungen auf, lassen sich nicht direkt messen und beschreiben, wie Kräfte zwischen Teilchen übertragen werden.
Virtuell im Alltag und in der Wirtschaft
Eine virtuelle Kreditkarte ist eine Kartennummer ohne Plastik, oft nur für einen einzigen Kauf gültig. Ein virtuelles Konto ist eine Unterkontonummer, mit der Zahlungen automatisch zugeordnet werden.
Virtuelles Wasser bezeichnet die Wassermenge, die zur Herstellung eines Produkts nötig war. Der Geograf John Anthony Allan prägte den Begriff um 1995 und erhielt dafür 2008 den Stockholmer Wasserpreis. Für ein Kilogramm Rindfleisch werden rund 15.500 Liter veranschlagt, für eine Tasse Kaffee etwa 140 Liter.
Im Arbeitsleben stehen virtuelle Teams für Gruppen, die dauerhaft über Standorte hinweg zusammenarbeiten. Der Begriff beschreibt allein die Form der Zusammenarbeit und sagt nichts über ihre Qualität.
Ein häufiger Übersetzungsfehler
Das englische virtually ist ein falscher Freund. Es heißt praktisch, nahezu oder so gut wie. „The task is virtually impossible“ bedeutet also „praktisch unmöglich“ und hat mit Computern nichts zu tun.
Wer das eins zu eins übersetzt, schreibt Sätze wie „die Aufgabe ist virtuell unmöglich“. Im Deutschen ergibt das keinen Sinn. Solche Stellen tauchen regelmäßig in maschinell übersetzten Texten auf.
Auch das englische virtual steht manchmal für „faktisch“: a virtual monopoly ist ein faktisches Monopol. Im Zweifel hilft die Probe, ob „praktisch“ an derselben Stelle passt — dann ist „virtuell“ die falsche Wahl.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen virtuell und digital?
Digital beschreibt die Technik, also Daten in Nullen und Einsen. Virtuell beschreibt, dass etwas nachgebildet ist und ohne körperliche Entsprechung funktioniert.
Heißt virtuell dasselbe wie unecht?
Nein. Ein virtuelles Treffen findet wirklich statt, nur eben ohne gemeinsamen Raum. Wirkung und Ergebnis sind echt.
Was ist eine virtuelle Maschine?
Ein vollständiger Computer als Software. Auf einem physischen Rechner laufen damit mehrere voneinander getrennte Systeme.
Was bedeutet virtuelles Bild in der Physik?
Ein Bild, bei dem sich die Lichtstrahlen nur scheinbar schneiden. Es lässt sich nicht auf einem Schirm auffangen — das Spiegelbild ist das bekannteste Beispiel.
Woher kommt das Wort virtuell?
Vom lateinischen virtus für Kraft und Fähigkeit, über mittellateinisch virtualis für „der Kraft nach vorhanden“.
Was ist virtuelles Wasser?
Die Wassermenge, die bei der Herstellung eines Produkts verbraucht wurde, auch wenn sie im Produkt selbst nicht steckt.
Quellen
DWDS: virtuell
Wikipedia: Virtualität
§ 118a AktG: Virtuelle Hauptversammlung
Wikipedia: Virtuelles Wasser
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Geschrieben von Clara, Redaktion frageecke.de — sie schreibt hier über Alltagsfragen und ihre Antworten.






