Wie viele Sinne hat der Mensch? Weit mehr als fünf

Kurz gesagt: Die klassischen fünf Sinne – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten – sind eine Einteilung aus der Antike. Tatsächlich unterscheidet die Wissenschaft heute mindestens neun, je nach Zählweise über zwanzig. Zu den wichtigsten Ergänzungen gehören Gleichgewichtssinn, Tiefensensibilität und Temperatur- und Schmerzempfinden.

Die Fünf-Sinne-Lehre geht auf Aristoteles zurück. Sie hat 2.300 Jahre überlebt und ist trotzdem unvollständig.

Die klassischen fünf

Sehen über die Netzhaut, Hören über das Innenohr, Riechen über die Riechschleimhaut, Schmecken über die Geschmacksknospen, Tasten über Rezeptoren in der Haut.

Die weiteren Sinne

Gleichgewichtssinn. Im Innenohr sitzen Bogengänge, die Drehbewegungen und Lage im Raum messen. Ohne ihn wäre Gehen unmöglich – bei einer Störung entsteht Schwindel.

Tiefensensibilität. Die Wahrnehmung der eigenen Körperstellung. Sie ist der Grund, warum man mit geschlossenen Augen die Nase trifft.

Temperatursinn. Eigene Rezeptoren für Wärme und Kälte – nicht Teil des Tastsinns.

Schmerzempfinden. Ebenfalls eigene Rezeptoren, die Nozizeptoren.

Innere Wahrnehmung. Hunger, Durst, Sättigung, Harndrang, Herzschlag – zusammengefasst als Interozeption.

Zeitempfinden und die innere Uhr.

Warum es keine feste Zahl gibt

Es hängt davon ab, wie man einen Sinn definiert. Zählt man nach Rezeptortypen, kommt man auf über zwanzig. Zählt man nach Wahrnehmungsqualitäten, auf etwa neun bis zwölf.

Selbst innerhalb eines Sinnes gibt es Unterteilungen: Der Tastsinn umfasst Druck, Berührung, Vibration und Dehnung – jeweils mit eigenen Rezeptoren.

Der Tastsinn im Detail

In der Haut sitzen verschiedene Rezeptoren: für leichte Berührung, für Druck, für Vibration, für Dehnung. Am dichtesten liegen sie an Fingerspitzen, Lippen und Zunge.

An Fingerspitzen lassen sich zwei Punkte im Abstand von wenigen Millimetern getrennt wahrnehmen, am Rücken erst bei mehreren Zentimetern.

Wenn Sinne zusammenarbeiten

Was man als Geschmack wahrnimmt, ist zum größten Teil Geruch. Bei verstopfter Nase schmeckt Essen fad – die Zunge unterscheidet nur süß, sauer, salzig, bitter und umami.

Auch Sehen und Hören beeinflussen sich: Beim Bauchrednereffekt ordnet das Gehirn einen Ton der sichtbaren Quelle zu.

Die Sinne im Innenohr

Neben dem Hören sitzt im Innenohr das Gleichgewichtsorgan mit zwei getrennten Systemen. Drei Bogengänge messen Drehbewegungen des Kopfes, zwei Vorhofsäckchen messen geradlinige Beschleunigung und die Lage im Schwerefeld. Beide arbeiten mit winzigen Härchen, die von Flüssigkeit oder Kristallen bewegt werden.

Ausgerechnet dieser Sinn wird in der klassischen Fünferzählung nicht erwähnt, obwohl sein Ausfall dramatischer wirkt als der Verlust des Geruchssinns. Betroffene können ohne visuelle Kontrolle kaum stehen. Das zeigt, wie willkürlich die alte Aufzählung ist.

Die Trennung in Drehung und Beschleunigung ist auch der Grund, warum manche Reize Übelkeit auslösen und andere nicht. Widersprüche zwischen Auge und Innenohr sind der Auslöser. Genau darauf beruht die Reisekrankheit.

Die Wahrnehmung des eigenen Körpers

Die Tiefensensibilität, fachlich Propriozeption, meldet dem Gehirn laufend die Stellung von Gelenken und die Spannung der Muskeln. Nur deshalb kann man mit geschlossenen Augen den eigenen Finger zur Nase führen. Rezeptoren dafür sitzen in Muskeln, Sehnen und Gelenkkapseln.

Dazu kommt die Wahrnehmung von Vorgängen im Körperinneren, die Interozeption genannt wird. Sie umfasst Hunger, Durst, Harndrang, Herzschlag und Atemnot. Diese Meldungen erreichen das Bewusstsein nur teilweise.

Beide Systeme werden im Alltag kaum bemerkt und fallen erst bei Störungen auf. Nervenschäden führen zu unsicherem Gang und Fehlgriffen. Genau daran zeigt sich ihre Bedeutung.

Warum Schmerz ein eigener Sinn ist

Schmerz entsteht nicht durch besonders starke Berührung, sondern über eigene Rezeptoren, die Nozizeptoren heißen. Sie reagieren auf Gewebeschädigung durch Druck, Hitze, Kälte oder chemische Reize. Die Signale laufen über andere Nervenfasern als die Berührungsempfindung.

Deshalb kann Berührung erhalten bleiben, während Schmerzempfinden fehlt, und umgekehrt. Bei bestimmten Erkrankungen tritt genau das auf. Für die Diagnostik wird beides getrennt geprüft.

Menschen, die von Geburt an keinen Schmerz empfinden, verletzen sich häufig schwer, ohne es zu bemerken. Das gilt als Beleg für die Schutzfunktion. Schmerz ist damit kein Fehler, sondern ein Warnsystem.

Sinne, die Menschen nicht haben

Manche Tiere nehmen Reize wahr, für die dem Menschen die Organe fehlen. Dazu zählen die Wahrnehmung elektrischer Felder bei Haien, die Orientierung am Erdmagnetfeld bei Zugvögeln und die Ortung über Ultraschall bei Fledermäusen. Für den Menschen sind diese Reize unzugänglich.

Ob Menschen das Erdmagnetfeld in geringem Maß wahrnehmen, wird seit Jahren untersucht. Einzelne Studien berichten von messbaren Hirnreaktionen, eine bewusste Wahrnehmung ist aber nicht belegt. Die Frage gilt als offen.

Woher die Zahl fünf stammt

Die Einteilung in fünf Sinne geht auf Aristoteles zurück, der sie in seiner Schrift über die Seele beschrieb. Er ordnete jedem Sinn ein Organ und ein wahrnehmbares Merkmal zu. Diese Systematik prägte das europäische Denken über zwei Jahrtausende.

Aristoteles kannte weder das Gleichgewichtsorgan noch die Rezeptoren in Muskeln und Gelenken. Ihre Entdeckung gelang erst im 19. Jahrhundert. Die Fünferzählung ist damit ein historischer Stand, kein Ergebnis moderner Forschung.

Trotzdem hält sie sich hartnäckig, weil sie einfach und anschaulich ist. Schulbücher übernehmen sie bis heute. Fachlich ist sie längst überholt.

Wie Sinne zusammenwirken

Das Gehirn verrechnet Eindrücke verschiedener Sinne zu einem einheitlichen Bild. Bekannt ist das an einem Versuch, bei dem eine gesehene Lippenbewegung den gehörten Laut verändert. Der Effekt zeigt, dass Wahrnehmung keine reine Weiterleitung ist.

Auch der Geschmackseindruck entsteht überwiegend über den Geruchssinn. Bei verstopfter Nase schmecken Speisen deshalb fade. Die Zunge selbst unterscheidet nur wenige Grundqualitäten.

Häufige Fragen

Warum spricht man von fünf Sinnen?

Die Einteilung stammt von Aristoteles und hat sich sprachlich gehalten.

Ist der Gleichgewichtssinn ein eigener Sinn?

Ja, mit eigenen Sinnesorganen im Innenohr.

Was ist der sechste Sinn?

Umgangssprachlich eine Ahnung, wissenschaftlich meist der Gleichgewichtssinn oder die Tiefensensibilität.

Welcher Sinn ist am empfindlichsten?

Der Geruchssinn unterscheidet die meisten verschiedenen Reize – schätzungsweise Milliarden von Duftkombinationen.

Quellen

Das passt dazu

Drei Artikel, die dieselbe Frage von einer anderen Seite angehen:

Geschrieben von Bella, Redaktion frageecke.de — sie schreibt hier über Alltagsfragen und ihre Antworten.

Nach oben scrollen