Was bedeutet attraktiv? Bedeutung, Herkunft und Forschung

Kurzantwort: Attraktiv heißt anziehend. Das Wort geht auf lateinisch attrahere zurück, also heranziehen. Es beschreibt zum einen äußerliche Anziehungskraft, zum anderen alles, was sich lohnt: ein attraktives Gehalt, ein attraktives Angebot, ein attraktiver Standort.

Attraktiv gehört zu den Wörtern, die zwei ganz verschiedene Bereiche abdecken. Beim Menschen geht es um Aussehen und Ausstrahlung, beim Vertrag um Zahlen.

Beide Bedeutungen stammen aus demselben Bild: Etwas zieht an, wie ein Magnet. Das Bild steckt schon im lateinischen Ursprung.

Interessant wird es dort, wo Forschung nachgesehen hat, was Gesichter für viele Menschen anziehend macht – und welche Folgen das im Alltag hat.

Herkunft des Wortes

Grundlage ist das lateinische attrahere, zusammengesetzt aus ad- für heran und trahere für ziehen. Daraus wurde das spätlateinische attractivus.

Über das französische attractif kam das Wort ins Deutsche. Verwandt sind Attraktion, Attraktivität und der Begriff Attraktor aus Physik und Mathematik.

Das Gegenteil heißt unattraktiv. Gesteigert wird regelmäßig: attraktiv, attraktiver, am attraktivsten. Das Substantiv Attraktivität lässt sich nicht steigern.

Dieselbe Wurzel trahere steckt in Traktor, Trakt und Extrakt. Überall geht es ums Ziehen.

Die zwei Bedeutungen im Gebrauch

Bei Personen meint attraktiv anziehend im Sinne von äußerer Wirkung. Gemeint sind Gesicht, Körper, Stimme, Kleidung und Auftreten.

Bei Sachen meint es lohnend oder reizvoll. Ein attraktiver Arbeitsplatz zahlt gut, ein attraktiver Zinssatz bringt Ertrag, eine attraktive Stadt zieht Zuzug an.

In Stellenanzeigen ist das Wort inzwischen so häufig, dass es kaum noch etwas aussagt. Konkrete Angaben wie Gehaltsspanne, Urlaubstage oder Homeoffice-Regelung sind aussagekräftiger.

Im Tourismus zählt „attraktiv“ zu den Standardvokabeln von Prospekten. Auch hier lohnt der Blick auf die Zahl dahinter: Entfernung zum Strand, Baujahr, Bewertungen.

Was die Forschung über Gesichter weiß

Zwei Befunde tauchen in der Attraktivitätsforschung immer wieder auf: Symmetrie und Durchschnittlichkeit.

Judith Langlois und Lori Roggman veröffentlichten 1990 in Psychological Science die Arbeit „Attractive Faces Are Only Average“. Sie legten Fotos vieler Gesichter am Computer übereinander. Die gemittelten Gesichter wurden von Testpersonen im Schnitt attraktiver bewertet als die Einzelgesichter, aus denen sie entstanden waren.

Erklärt wird das damit, dass gemittelte Gesichter symmetrischer sind und weniger Auffälligkeiten enthalten. Das Gehirn verarbeitet vertraute Muster leichter, und leichte Verarbeitung wird als angenehm erlebt.

Ein einzelnes Idealmaß gibt es trotzdem nicht. Bewertungen unterscheiden sich zwischen Kulturen, Altersgruppen und einzelnen Personen deutlich. Und in Partnerschaften spielen Vertrautheit, Humor und gemeinsame Zeit eine größere Rolle als Messwerte im Gesicht.

Der Halo-Effekt

Attraktivität wirkt über das Aussehen hinaus. Karen Dion, Ellen Berscheid und Elaine Walster beschrieben 1972 den Befund unter dem Titel „What is beautiful is good“.

Testpersonen schrieben attraktiven Menschen auf Fotos mehr positive Eigenschaften zu: mehr Freundlichkeit, mehr beruflichen Erfolg, mehr soziale Kompetenz. Belege dafür hatten sie keine, allein das Foto lag vor.

Dieser Halo-Effekt spielt bei Bewerbungen, in Schulnoten und vor Gericht eine Rolle. Anonymisierte Bewerbungsverfahren ohne Foto sind eine direkte Reaktion darauf.

Der Effekt läuft in beide Richtungen. Auch ein einzelnes negatives Merkmal färbt auf die Gesamtbewertung ab.

Was Attraktivität im Alltag bewirkt

Die Ökonomen Daniel Hamermesh und Jeff Biddle veröffentlichten 1994 in der American Economic Review die Arbeit „Beauty and the Labor Market“. Sie werteten Befragungsdaten aus den USA und Kanada aus, in denen Interviewer das Aussehen der Befragten eingeschätzt hatten.

Das Ergebnis: Wer als überdurchschnittlich attraktiv eingestuft wurde, verdiente im Schnitt mehr als der Rest. Wer als unterdurchschnittlich galt, verdiente weniger. Hamermesh nannte die Differenz später den „beauty premium“.

Solche Auswertungen zeigen einen Zusammenhang und keine Ursache. Aussehen, Auftreten, Gesundheit und soziale Herkunft hängen miteinander zusammen und lassen sich schwer trennen.

Praktisch heißt das: Der Effekt existiert in den Daten, taugt aber nicht als Erklärung für einen einzelnen Lebenslauf.

Schönheitsideale ändern sich

Was als attraktiv gilt, verschiebt sich über die Zeit. Barocke Gemälde zeigen andere Körperformen als Modefotos der 1990er Jahre.

Auch innerhalb einer Gesellschaft laufen Ideale auseinander. Bildbearbeitung und Filter in sozialen Netzwerken haben die Bezugspunkte zusätzlich verschoben, weil viele Vergleichsbilder bearbeitet sind.

Frankreich schreibt seit 2017 vor, retuschierte Werbefotos von Models zu kennzeichnen. Norwegen führte 2022 eine ähnliche Pflicht für bezahlte Werbung ein.

Wer sich ständig mit bearbeiteten Bildern vergleicht, vergleicht sich mit etwas, das es so nicht gibt. Das ist der praktische Kern dieser Regelungen.

Auch die Sprache verschiebt sich. Begriffe wie Thigh Gap oder Clean Girl waren vor zehn Jahren unbekannt und stehen heute für konkrete Körper- und Stilideale. Sie kommen und verschwinden im Takt der Plattformen.

Ein Blick in Fotoalben der eigenen Familie ordnet vieles ein. Kleidung, Frisuren und Posen wirken nach zwanzig Jahren fremd, obwohl sie damals als selbstverständlich galten.

Was bleibt, ist die Wirkung auf andere. Freundlichkeit, Aufmerksamkeit und eine ruhige Stimme werden in Befragungen regelmäßig als anziehend genannt, unabhängig vom jeweiligen Modeideal.

Häufige Fragen

Was heißt attraktiv auf Deutsch?

Anziehend, reizvoll, ansprechend. Bei Angeboten und Verträgen heißt es lohnend oder günstig, bei Städten und Regionen zugkräftig.

Woher kommt das Wort?

Von lateinisch attrahere, heranziehen, über das französische attractif. Dieselbe Wurzel steckt in Traktor und Attraktion.

Ist attraktiv dasselbe wie schön?

Nein. Schön bewertet die Form, attraktiv beschreibt die Wirkung. Ausstrahlung, Stimme und Verhalten gehören dazu.

Gibt es objektive Schönheit?

Teilweise stimmen Bewertungen überein, etwa bei Symmetrie und bei gemittelten Gesichtern. Ein allgemeingültiger Maßstab ist nicht belegt, und die Unterschiede zwischen einzelnen Bewertern sind groß.

Was ist der Halo-Effekt?

Von einem sichtbaren Merkmal wird auf andere Eigenschaften geschlossen, ohne jeden Beleg. Ein Foto reicht, damit Testpersonen Freundlichkeit und Erfolg unterstellen.

Was ist das Gegenteil von attraktiv?

Unattraktiv, abstoßend oder schlicht uninteressant. Bei Angeboten spricht man von unwirtschaftlich.

Quellen

Das passt dazu

Drei Artikel, die dieselbe Frage von einer anderen Seite angehen:

Geschrieben von Clara, Redaktion frageecke.de — sie schreibt hier über Alltagsfragen und ihre Antworten.

Nach oben scrollen