Wie viele Evangelien gibt es? Vier im Kanon, viele daneben

Kurz gesagt: Im Neuen Testament stehen vier Evangelien — Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Daneben existieren mehrere Dutzend apokryphe Evangelien, die nicht in den Kanon aufgenommen wurden, etwa das Thomasevangelium. Die Vierzahl war im späten zweiten Jahrhundert allgemein anerkannt.

Die vier im Neuen Testament

Markus gilt als das älteste, geschrieben vermutlich um das Jahr 70. Es ist das kürzeste und erzählt knapp und ohne Kindheitsgeschichte.

Matthäus und Lukas entstanden wenig später und übernehmen große Teile aus Markus, ergänzt um eigenes Material.

Johannes steht sprachlich und inhaltlich für sich. Es erzählt andere Episoden, arbeitet mit langen Reden und wird meist auf das Ende des ersten Jahrhunderts datiert.

Was „Evangelium“ bedeutet

Das griechische euangelion heißt „gute Nachricht“. Ursprünglich bezeichnete es die Botschaft selbst, nicht ein Buch.

Erst im zweiten Jahrhundert wurde der Begriff auf die Schriften übertragen, die diese Botschaft erzählen. Vorher sprach man von den Worten des Herrn.

Deshalb tragen die Bücher ihre Verfassernamen in der Form „nach Matthäus“ — als Angabe der Überlieferungslinie, nicht als Titel des Autors.

Die synoptische Frage

Markus, Matthäus und Lukas erzählen weitgehend dieselben Episoden in ähnlicher Reihenfolge. Man kann sie in drei Spalten nebeneinanderlegen und vergleichen — daher der Name Synoptiker.

Die verbreitete Erklärung geht davon aus, dass Matthäus und Lukas Markus als Vorlage nutzten und zusätzlich eine Sammlung von Jesusworten, die als Logienquelle bezeichnet wird.

Diese Quelle ist nicht erhalten. Sie wird aus dem Material erschlossen, das Matthäus und Lukas gemeinsam haben, Markus aber nicht.

Warum genau vier

Um 180 argumentierte Irenäus von Lyon, es müsse vier Evangelien geben, so wie es vier Himmelsrichtungen und vier Winde gebe. Das war weniger Begründung als Bestätigung eines bestehenden Zustands.

Praktisch hatte sich die Vierzahl in den Gemeinden bereits durchgesetzt. Diese vier wurden im Gottesdienst gelesen, andere nicht oder nur regional.

Der Kanon wurde damit nicht an einem Tag beschlossen, sondern über Generationen durch Gebrauch gebildet und später förmlich festgehalten.

Die apokryphen Evangelien

Erhalten sind unter anderem das Thomasevangelium, das Petrusevangelium, das Philippusevangelium und das Judasevangelium, dazu mehrere Kindheitsevangelien.

Das Thomasevangelium ist das bekannteste. Es enthält 114 Jesusworte ohne Rahmenhandlung und wurde 1945 in Ägypten bei Nag Hammadi gefunden.

Die Kindheitsevangelien füllen Lücken: Sie erzählen von Marias Eltern oder von Wundern des Jesuskindes. Vieles daraus prägte die spätere Volksfrömmigkeit, ohne je kanonisch zu sein.

Warum sie nicht aufgenommen wurden

  • Sie entstanden deutlich später als die vier
  • Sie waren nicht flächendeckend in Gebrauch
  • Ihre Lehren wichen teils erheblich ab, etwa in gnostischer Richtung
  • Ihre Zuschreibung an Apostel war leichter anzuzweifeln

Was in den Bibelausgaben steht

Alle christlichen Kirchen führen dieselben vier Evangelien. Unterschiede zwischen katholischen, evangelischen und orthodoxen Bibeln betreffen das Alte Testament, nicht die Evangelien.

Die apokryphen Evangelien stehen in keiner kirchlichen Bibelausgabe. Sie erscheinen in wissenschaftlichen Sammlungen der neutestamentlichen Apokryphen.

Diese Ausgaben sind frei zugänglich und werden in der Forschung als historische Quellen ausgewertet, nicht als Glaubenstexte.

Die Evangelisten-Symbole

In der Kunst werden die vier durch Symbole dargestellt: Mensch oder Engel für Matthäus, Löwe für Markus, Stier für Lukas, Adler für Johannes.

Die Zuordnung geht auf eine Vision im Buch Ezechiel und auf die Offenbarung zurück, wo vier Wesen vor dem Thron beschrieben werden.

Auf romanischen und gotischen Kirchenportalen sind diese vier Symbole eines der häufigsten Bildmotive überhaupt.

Wie die Texte überliefert wurden

Die Evangelien wurden auf Griechisch geschrieben und über Jahrhunderte von Hand kopiert. Erhalten sind mehrere tausend Handschriften, die ältesten als Papyrusfragmente.

Das bekannteste Fragment, ein Stück aus dem Johannesevangelium, wird meist in die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts datiert und ist kaum größer als eine Handfläche.

Aus dem Vergleich dieser Handschriften rekonstruiert die Textkritik den wahrscheinlichsten ursprünglichen Wortlaut. Die Unterschiede betreffen überwiegend Kleinigkeiten in Schreibweise und Wortstellung.

Die Reihenfolge in der Bibel

Im Neuen Testament stehen die vier nicht in der Reihenfolge ihrer Entstehung, sondern beginnend mit Matthäus. Dieser galt lange als das älteste.

Die Anordnung stammt aus der frühen Kirche und blieb erhalten, auch nachdem sich die Forschung auf Markus als ältestes Evangelium verständigt hatte.

In einzelnen alten Handschriften findet sich eine andere Reihenfolge, meist mit den beiden Aposteln Matthäus und Johannes vorn.

Was die vier gemeinsam erzählen

Alle vier berichten von der Taufe durch Johannes, von Wundern und Gleichnissen, vom Einzug in Jerusalem, vom letzten Abendmahl, von Verhaftung, Kreuzigung und Auferstehung.

Die Passionsgeschichte nimmt in allen vier den größten zusammenhängenden Raum ein. Markus widmet ihr fast ein Drittel seines Textes.

Unterschiede gibt es bei Kindheitsgeschichten, Reihenfolge einzelner Episoden und in der Ausgestaltung der Reden. Der Grundverlauf stimmt überein.

Die Lesung im Gottesdienst

In katholischen und evangelischen Gottesdiensten folgt die Evangelienlesung einer festen Ordnung, die sich über mehrere Jahre erstreckt und die vier Bücher unterschiedlich verteilt.

Die katholische Leseordnung arbeitet mit einem Dreijahreszyklus, in dem jeweils ein Synoptiker im Mittelpunkt steht; Johannes wird über alle drei Jahre verteilt eingesetzt.

Zur Evangelienlesung erheben sich die Gemeinden in vielen Traditionen. Diese Geste hebt den Text gegenüber den übrigen Lesungen hervor.

Häufige Fragen

Wie viele Evangelien stehen in der Bibel?

Vier.

Welches ist das älteste?

Markus, vermutlich um das Jahr 70.

Was sind die Synoptiker?

Markus, Matthäus und Lukas.

Was ist die Logienquelle?

Eine erschlossene Sammlung von Jesusworten.

Wie viele apokryphe Evangelien gibt es?

Mehrere Dutzend, unterschiedlich gut erhalten.

Was ist das Thomasevangelium?

Eine Sammlung von 114 Jesusworten ohne Handlung.

Warum wurden Texte ausgeschlossen?

Wegen Alter, Verbreitung und abweichender Lehre.

Unterscheiden sich die Konfessionen?

Bei den Evangelien nicht.

In welcher Sprache wurden sie geschrieben?

Auf Griechisch.

Warum steht Matthäus zuerst?

Er galt in der frühen Kirche als das älteste.

Wie werden die Evangelien gelesen?

Nach einer festen Leseordnung über mehrere Jahre.

Quellen

Das passt dazu

Drei Artikel, die dieselbe Frage von einer anderen Seite angehen:

Geschrieben von Bella, Redaktion frageecke.de — sie schreibt hier über Alltagsfragen und ihre Antworten.

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