Wie viele Sexualitäten gibt es? Begriffe und Einordnung

Kurz gesagt: Eine feste Zahl gibt es nicht. Sexuelle Orientierung beschreibt, zu wem sich jemand hingezogen fühlt — das lässt sich nicht abzählen wie Blutgruppen. Verbreitete Bezeichnungen sind heterosexuell, homosexuell, bisexuell, pansexuell und asexuell; daneben existieren weitere Begriffe für feinere Abstufungen. Jede Zahl, die im Umlauf ist, hängt allein davon ab, wie fein man unterteilt.

Warum sich das nicht zählen lässt

Sexuelle Orientierung ist keine Einteilung in feste Fächer, sondern beschreibt Anziehung, die bei Menschen unterschiedlich stark und unterschiedlich gerichtet ist. Begriffe sind Beschreibungen dafür, keine amtlichen Kategorien. Neue Bezeichnungen entstehen, wenn Menschen Erfahrungen benennen, für die es bisher kein Wort gab.

Deshalb kursieren im Netz Listen mit zehn, dreißig oder über hundert Einträgen, je nachdem, wie fein unterschieden wird. Alle diese Listen sind weder falsch noch vollständig. Sie zeigen nur unterschiedliche Detailtiefen.

Für den Alltag genügen wenige Begriffe, weil sie die häufigsten Erfahrungen abdecken. Wer sich in keinem davon wiederfindet, hat trotzdem eine gültige Erfahrung. Genau dafür wurden die weiteren Begriffe geprägt.

Die verbreiteten Begriffe

Heterosexuell beschreibt Anziehung zum anderen Geschlecht, homosexuell zum eigenen. Für homosexuelle Frauen ist lesbisch gebräuchlich, für homosexuelle Männer schwul. Beide Wörter waren früher abwertend gemeint und wurden von den Betroffenen selbstbewusst übernommen.

Bisexuell bezeichnet Anziehung zu mehr als einem Geschlecht, pansexuell Anziehung unabhängig vom Geschlecht. Die Abgrenzung zwischen beiden wird unterschiedlich gezogen und ist Gegenstand von Debatten. Viele verwenden die Begriffe überlappend.

Asexuell beschreibt geringe oder fehlende sexuelle Anziehung, was nicht bedeutet, dass keine romantischen Beziehungen gewünscht werden. Dafür gibt es die getrennte Beschreibung der romantischen Orientierung. Beide Ebenen können auseinanderfallen.

Orientierung, Identität und Verhalten

Fachlich werden drei Ebenen unterschieden: Anziehung, Selbstbezeichnung und tatsächliches Verhalten. Sie stimmen nicht immer überein — jemand kann sich zu einem Geschlecht hingezogen fühlen, sich anders bezeichnen und wieder anders leben. Umfragen messen deshalb je nach Frage unterschiedliche Anteile.

Diese Unterscheidung ist auch für Statistiken wichtig. Fragt man nach Selbstbezeichnung, kommen andere Zahlen heraus als bei der Frage nach Erfahrungen. Beides ist korrekt erhoben.

Ebenfalls zu trennen ist die Geschlechtsidentität, also die Frage, welchem Geschlecht sich jemand zugehörig fühlt. Sie hat mit sexueller Orientierung nichts zu tun. Beide Themen werden häufig vermischt.

Was Umfragen zeigen

In Deutschland bezeichnen sich in großen Erhebungen etwa sechs bis zehn Prozent der Erwachsenen als nicht heterosexuell, mit deutlich höheren Werten bei jüngeren Jahrgängen. Diese Unterschiede beruhen vermutlich weniger auf veränderter Orientierung als auf größerer Offenheit. Ältere Befragte antworten zurückhaltender.

Internationale Vergleiche zeigen ähnliche Muster, mit erheblichen Unterschieden je nach gesellschaftlichem Klima. In Ländern mit Strafbarkeit fallen die Werte gegen null. Das sagt nichts über die tatsächliche Verteilung aus.

Verlässliche Zahlen liefern große, wiederholte Erhebungen mit anonymer Befragung. Einzelne Umfragen mit kleinen Stichproben sind wenig aussagekräftig. Auf die Methode zu achten lohnt sich.

Die Rechtslage in Deutschland

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verbietet Benachteiligung wegen der sexuellen Identität, unter anderem in Beruf und bei Geschäften des Alltags. Der Schutz gilt unabhängig von der konkreten Bezeichnung. Betroffene können Ansprüche geltend machen.

Der frühere Paragraf 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, wurde erst 1994 vollständig aufgehoben. 2017 wurden die Urteile aufgehoben und Entschädigungen ermöglicht. Im selben Jahr wurde die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet.

Sogenannte Konversionsbehandlungen, die Orientierung verändern sollen, sind seit 2020 bei Minderjährigen verboten und auch bei Erwachsenen unter Bedingungen strafbar. Fachgesellschaften lehnen sie ab. Sie gelten als schädlich und wirkungslos.

Wo es Beratung gibt

Anlaufstellen bieten unter anderem Beratungsstellen der Kommunen, queere Zentren und Verbände wie der Lesben- und Schwulenverband. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stellt Material bereit. Vieles davon ist anonym nutzbar.

Für Jugendliche gibt es eigene Angebote, telefonisch und online, mit geschulten Beraterinnen und Beratern. Sie sind kostenfrei und vertraulich. Die Nummern sind bundesweit einheitlich.

Wichtig ist: Niemand muss sich für eine Bezeichnung entscheiden, und niemand muss sich outen. Beides ist eine persönliche Entscheidung. Beratungsstellen unterstützen dabei ergebnisoffen.

Woher die Begriffe kommen

Die Wörter homosexuell und heterosexuell entstanden erst im späten neunzehnten Jahrhundert, geprägt im deutschsprachigen Raum. Vorher wurde nicht zwischen Personen unterschieden, sondern zwischen Handlungen. Die Idee, dass sexuelle Orientierung eine dauerhafte Eigenschaft eines Menschen sei, ist damit historisch jung.

Bis 1990 führte die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität in ihrem Krankheitsverzeichnis. Die Streichung war das Ergebnis jahrzehntelanger fachlicher Auseinandersetzung und politischer Bewegung. Der 17. Mai erinnert seither als internationaler Tag daran.

Neuere Begriffe wie pansexuell oder demisexuell entstanden überwiegend in den letzten Jahrzehnten, viele davon in Online-Gemeinschaften. Sie füllen Lücken, die die älteren Wörter offen ließen. Ihre Verbreitung ist unterschiedlich groß.

Die Kinsey-Skala und ihre Nachfolger

Alfred Kinsey stellte um 1948 eine Skala von null bis sechs vor, die zwischen ausschließlich heterosexuell und ausschließlich homosexuell abstufte. Sie war der erste verbreitete Versuch, Orientierung als Spektrum statt als Entweder-oder zu beschreiben. Kritisiert wurde, dass sie Asexualität kaum abbildet.

Spätere Modelle arbeiten mit mehreren Dimensionen: Anziehung, Fantasien, Verhalten, Selbstbezeichnung und soziale Präferenz werden getrennt erfasst. Damit lassen sich Verläufe über die Zeit abbilden. Solche Modelle sind in der Forschung heute üblich.

Für den Alltag sind sie zu fein. Sie zeigen aber, warum eine einzelne Zahl der Sache nicht gerecht wird. Genau darin liegt die Antwort auf die ursprüngliche Frage.

Häufige Fragen

Wie viele Sexualitäten gibt es?

Keine feste Zahl, es hängt von der Unterteilung ab.

Welche Begriffe sind verbreitet?

Hetero-, homo-, bi-, pan- und asexuell.

Was ist der Unterschied zwischen bi und pan?

Die Abgrenzung wird unterschiedlich gezogen.

Was bedeutet asexuell?

Geringe oder fehlende sexuelle Anziehung.

Ist Orientierung dasselbe wie Identität?

Nein, beides ist zu trennen.

Wie viele Menschen sind nicht heterosexuell?

In Umfragen etwa sechs bis zehn Prozent.

Gibt es rechtlichen Schutz?

Ja, über das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz.

Sind Konversionsbehandlungen erlaubt?

Bei Minderjährigen sind sie verboten.

Seit wann gibt es diese Begriffe?

Erst seit dem späten neunzehnten Jahrhundert.

Was ist die Kinsey-Skala?

Ein frühes Modell mit sieben Abstufungen.

Quellen

Das passt dazu

Drei Artikel, die dieselbe Frage von einer anderen Seite angehen:

Geschrieben von Bella, Redaktion frageecke.de — sie schreibt hier über Alltagsfragen und ihre Antworten.

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